Der Vielseitigkeit kein Ende gesetzt – die junge deutsche Jazz-Szene

Während sie früher unter den jungen Menschen nicht sehr beliebt war, erfährt die deutsche Jazz-Szene nun einen regelrechten Aufschwung an jungen Künstlern.

Wie kommt es zum plötzlichen Durchbruch?

Es ist wohl die Kompromisslosigkeit und Integrität, welche die jungen eigenständigen Stilisten so begeistert und seit neustem fesselt. Die Innovation, die sich hinter dem Jazz verbirgt, hat die jungen Künstler wohl von ihrem Reiz überzeugen können und macht sie neugierig auf mehr – mehr Musik, mehr Freiheit beim Spielen ihrer Instrumente und dem akribischen Zusammenspiel.

Seit einigen Jahren gibt es einen erstaunlichen Andrang bei den Universitäten, welche den Jazz als Studiengang anbieten, wie zum Beispiel in Köln, München oder Hamburg. Hervorzuheben ist hierbei Berlin. Die Studenten sind bemüht und engagiert. Sie betreiben fleißig Forschungen, sind überaus Experimentierfreudig, schließen sich zu Kollektiven zusammen und erfreuen sich an ihrer Musik. Ihrem Engagement sind keine Grenzen gesetzt, so setzen sie sich zusammen und organisieren nicht bloß ganze Konzertreihen, nein sie planen sogar ganze Festivals. Und die ganze Arbeit hat bereits Früchte getragen. Mittlerweile wird die ganze internationale Szene von unserer Hauptstadt Berlin angezogen wie ein Magnet. Es ist kaum zu glauben, doch nach New York gilt Berlin unter den Künstlern weltweit als herausragendste Jazzmetropole, wodurch viele Musiker aus aller Welt nun diese Stadt zu ihrer Wahlheimat erkoren haben. Also ganz große Kunst auf internationalem Niveau.

Gemeinsam musizieren

Die Zusammenführung der einzelnen Szenen zeigt sich generationsübergreifend. Der spielwütige und abenteuerlustige Nachwuchs Seite an Seite mit Musikern, welche bereits Jahre zuvor einzigartiges auf ihren Instrumenten erreicht haben. Genau das ist der Grund, was den Jazz so großartig macht – die Authentizität und die gemeinsame Liebe zur Musik. Traurig daran ist jedoch, dass die Musiker im Ausland oft so große Aufmerksamkeit und Berühmtheit erfahren, während sie daheim eher weniger bekannt sind.

Daraus resultiert natürlich, dass man viele neue und junge Gesichter auf Konzerten entdecken kann, wie zum Beispiel vier der interessantesten Vertreter: der Posaunist Nils Wogram, der Schlagzeuger Jochen Rückert, der Pianist Florian Ross und der Gitarrist Frank Möbus. Sehr interessant und vorbildlich ist auch die enge Zusammenarbeit zwischen den Künstlern aus den neuen und alten Bundesländern und die daraus gewachsenen Traditionen der innerdeutschen Kulturszene. Mit dem künstlerischen Auge betrachtet, kann man durchaus behaupten, dass der deutsche Jazz seinen Hochpunkt erlebt.

Jazz-Musik in Worte gefasst

Die Jazzseele ist sehr feinfühlig und somit bemerkten die Musiker bei ihren Konzerten, dass die Zuhörer etwas anderes möchten als diese ständig reproduzierten Stücke. Genau das ist es, was den Jazz auszeichnet und für ein sehr großes Publikum so reizvoll und unersetzbar macht. Das Wesen des Jazz kann man leicht in folgenden Worten erklären; er ist eine wertvolle, spirituelle Musik jenseits von Religionen. Jazz ist eine verbindende globale Sprache der Menschen, welche in allen Kulturen tief verwurzelt ist. Die Improvisation führt beide Seiten auf eine gemeinsame Reise. Es wird kaum jemanden geben, der ein Konzert besucht und diese gewisse Magie in der Luft nicht spüren wird. Eigentlich ist es recht schade, dass diese Musikrichtung medial nicht so gewürdigt wird, wie sie es eigentlich verdient hätte, denn so wird ein bestimmtes Publikum niemals diese Begeisterung spüren können, die perfekte Stilrichtung für unsere Zeit!

Die beschwerlichen Anfänge des deutschen Jazz von der Nachkriegszeit bis zu den 50er Jahre

Man kann schon sagen, dass sich deutscher Jazz in vielerlei Hinsichten von der Jazzmusik des Schöpferlandes, den USA, unterscheidet. Doch sie haben eine Gemeinsamkeit, welche sie verbindet: Es war für beide ein steiniger Weg bis sie es in die Ohren ihrer Zuhörer geschafft haben.

Es begann alles mit einer Zeitschrift für Unterhaltungsmusiker, in welcher 1919 zum ersten Mal das Wort „Jazz“ nachzulesen war. Es verbreitete sich schon eine gewisse Neugier unter den deutschen Musikern, doch anfangen konnten sie damit noch nichts. Bis 1920, als die erste Coverversion von dem bekannten Song „Tiger Rag“ von dem Berliner Plattenlabel Homokord produziert und schließlich veröffentlicht wurde.

Interessant ist auch, dass eines der ersten Bücher mit dem Wort „Jazz“ im Titel, geschrieben von Paul Bernhard, aus Deutschland stammt. Er bezieht sich jedoch hierbei lediglich auf einen Tanz.

Der beliebte Jazzpionier Eric Borchard gründete jedoch schon 1919 seine eigene Jazzband, als er aus Amerika zurückkam, wo er eine Zeit lang als Musiker gearbeitet hatte. Anfang der 20er Jahre schaffte er den Durchbruch und spielte seine eigene erste Aufnahme ein, welche durchaus mit anderen Jazzgrößen mithalten konnte. Das Publikum fand Gefallen daran, wodurch einige Trios den Stil aufnahmen und sich auf den Jazz fokussierten. Bei den Tanzorchestern verhielt es sich hier durchaus unterschiedlich. Das von Stefan Weintraub gegründete Orchester beispielsweise und einige Bands verfielen sofort dem Element der Improvisation, wohingegen Marek Weber das Podium verließ, da er nicht wie gewohnt nach konkreten Vorgaben spielen konnte. Jedoch war er leider kein Einzelfall und diese neue Art des Musizierens traf unter den Musikern allgemein eher auf Unverständnis und bloß ein kleiner Teil der Musikbranche konzentrierte sich auf Jazz und fing sogar an, ihn mit anderen Stilen zu kombinieren.

Doch da diese Musikgattung bei einem breiten Publikum Anklang fand und nicht nur als Mode oder Unterhaltungsmusik, sondern als wahrhafte Kunst galt, wurde sie bereits im Oktober 1923 im Berliner Vox-Haus im Radio gespielt. Andere Städte folgten rasend schnell und nachdem Paul Whiteman 1926 einen sensationellen Erfolg zu verzeichnen hatte, gab es Radioprogramme, welche von nun an kontinuierlich live Jazz spielten.

Der Jazz lebte in Deutschland richtig auf und 1930 setze sich dieser Trend immer weiter fort. Doch unglücklicherweise war dieser Zustand nicht von Dauer, denn das NS- Regime verfolgte aufgrund der afrikanischen Wurzeln des Stils und der jüdischen Herkunft vieler Musiker vorerst die Entwicklung dieser Musik. Damit nicht genug fühlten sich die Nazis auch durch die Spontaneität, Improvisation und vor allem durch die Individualität bedroht, denn dies führte dazu, dass der Swing auch reizvoll auf die Jugend wirkte, wodurch sie ihre Weltanschauung massiv in Gefahr sahen. Dies hatte zur Folge, dass das Regime die Ausstrahlung der Jazz Musik im Rundfunk letztendlich verbot, wobei sie selber durchaus nicht davon abgeneigt waren. Im Gegenteil, einige fanden durchaus Gefallen daran und ersetzen die Texte sogar durch Propagandatexte. Es wurde vorerst kein striktes Verbot für den Jazz generell ausgesprochen, jedoch wurde das Abhören ausländischer Sender, welche Jazz spielten 1939 unter Strafe gestellt. Doch mit Kriegsbeginn wurde ein abruptes Ende der Nationalsozialisten verhängt.

Daher kann man sich wohl sehr gut vorstellen, dass Musikfans ebenso wie Musiker in der Nachkriegszeit nach ungefähr 20 Jahren noch größeren Gefallen an dieser Musikrichtung hatten. Sie waren Neugierig. In den Clubs wurden sich gegenseitig die wichtigsten Platten der verpassten Bewegungen vorgespielt und es wurden direkt eine Menge Konzerte organisiert. Dann war die Zeit des Stillstandes gebrochen – Berlin, Bremen und Frankfurt wurden regelrecht zu Hochburgen des Jazz.

Bereits 1945 produzierte Jimmy Jungermann die erste deutsche Jazzsendung bei Radio München und traf damit ein breites Publikum. Zwischen 1947 und 1956 schuf er die Jazzsendung Mitternacht in München, was wirklich speziell war, denn für Jazz geben die Radiosender generell nicht sehr viel Sendezeit her. Doch von hier an entwickelte sich alles prächtig. Um 1950 herum entstanden sogenannte Jazzkeller und nach fünf weiteren Jahren gab es eine Vielzahl von live Konzerten. Es wurden von der Deutschen Jazz Förderation eigene Tourneen veranstaltet, weitere Bands gründeten sich, der Jazz konnte sich entfalten und es kamen einige Jazz- Größen zum Vorschein sowie Max Greger (1926–2015) und Roger Cicero (1970–2016).

Wäre es nicht so eine einzigartige, vielseitige und zusammenführende Musikrichtung, würden wir in Deutschland heutzutage sicherlich keinen großen Gefallen daran finden. Zum Glück hat sich der Jazz letztendlich doch so positiv entwickelt.